Eieiei Erster Mai

Alles wird gut

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Bald ist es wieder soweit: „Heraus zum 1. Mai!“, fordern Spuckis, Tags, Plakate und Sticker an jeder Ecke der großen Städte. Sie fordern auf zur großen Demo! Und sehen dabei so aus, als würde die Revolution kurz bevor stehen. Ich wunder mich, denn so sieht das Bild jedes Jahr aus. Fast scheint es mir, als wären diese Bilder, diese Texte und Videos dem selben Atem entsprungen, der auch die Werbeplakate und Fernsehpausen mit glitzernden Glasperlen füllt. Glatte Haut – Mollis werfen. Heiße Frauen lieben dein Duschgel – schwarz vermummte Genossen wollen mit dir Riot. 3 Chicken-Fick-Nuggets zum Preis von einem – Revolution im Sonderangebot. Das ist ein und die selbe Heißmache ohne Inhalte und Verstand. Natürlich gibt es auch andere Gründe zur 1.Mai Demo zu gehen, vielleicht sogar sehr gute. Ich sehe nur, dass sich die ganze Idee verraten hat, wenn Bonzen-Kinder mit 17 in Markenklamotten irgendwelche Kleinwagen am Rande der Demo anzünden (So gesehen bei einer Demo in Zürich letztes Jahr gegen die Ausschaffungsinitiative), und man muss sich fragen warum die kommen. Weil ihre Freunde eine Rede halten? Oder weil die Werbeplakate der linken Gruppierungen aussehen wie die Games die sie eben noch zu Hause bei Mama gezockt haben?

The Handelshof Hotel with modified coat of arm...

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Die moderne Demonstration ist ein Spektakel geworden. Ein Theater, das Katharsis für seine Zuschauer und Mitläufer bietet, aber nichts verändert.

Und ihre Akteure sind die Hobbyrebellen. Der Hobbyrebell verkörpert alles Äußerliche was den eigentlichen Rebell oder Aktivisten ausmacht. All die Symbole und Formen, die das bilden, was wir unter diesem Begriff verstehen, sind in ihm vereint. Der Palästinenser Schal, die roten Sterne und Fahnen, die Dreadlocks die schwarzen Hoodies, die Aufnäher und Buttons. Der Hobbyrebell stürzt sich in all diese Äußerlichkeiten, um mit seiner Idee von Rebellen- und Aktivistentum zu verschmelzen. Doch – und das ist der Grund seines Handelns – ihm fehlt das Herz. Seine Motivation ist eine andere als die, die es braucht um das zu erreichen, was er vorgibt zu wollen: Freiheit, Frieden, Kommunismus, Revolution, Anarchie. Oben hui, unten Pfui.

Das ist auch der Grund, warum mensch sooft enttäuscht wird, wenn mensch einen vermeintlichen Kollegen oder eine Kollegin auf der Straße anspricht. Von den Äußerlichkeiten her wirkt der oder die Auserwählte dann auf den ersten Blick sympathisch und irgendwie wie meinesgleichen. Die Antwort auf eine Frage oder das Verhalten bei der Begegnung sind dann aber abweisend, unfreundlich, unpersönlich. Häufig also einfach nicht wie erwartet. Man kann aus den Äußerlichkeiten nicht zwangsläufig ableiten was innen drin los ist.

May day demonstration

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Mensch muss die Absicht der Leute hinterfragen! Will er sich profilieren oder tatsächlich etwas ändern? Zu Hinterfragen ist auch unsere eigene Absicht. Immer wieder. Bin ich ein Hobbyrebell? Warum mach ich das hier? Um cool zu sein? Weil es Spaß macht? Ist es meine Anstatt-von-Fernsehen-Beschäftigung? Verrate ich meine Subversivität? Wir müssen uns über unsere Absichten klar werden, denn möglicherweise sind sie Teil des Problems, das wir vorgeben verändern zu wollen.

Der Hobbyrebell scheitert also, weil er in Wirklichkeit nicht das Ziel verfolgt, das mensch ihm zuerst zuschreiben würde, sondern das des Individualismus und der Zerstreuung.

CID Aircraft lakebed skid, six images resized ...

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Die Demonstration wiederum scheitert, weil sie ineffektiv ist. Ein großangelegtes einmaliges Event ohne öffentliche Vorbesprechung, ohne öffentliche kollektive Auswertung der Beteiligten. Ein Event in dem hunderte oder tausende lethargisch nebeneinander herschlurfen und Jammern. Bei den Großen. Bei den Entscheidungsträgern. In der Hoffnung, dass sich etwas bessere. Es ist wie zum Schuldirektor laufen weil die anderen Kinder hübschere Sandformen haben. Die Demonstration scheitert weil sie komplett unnatürlich ist. Wenn ein Thema, das so wichtig erscheint, dass sich viele Menschen treffen, um dafür laut zu werden, im Endeffekt nur von einer handvoll RednerInnen diskutiert wird, so wird jeglicher Effekt an der Wurzel beschnitten! Auf einer Demo ist kein Raum zur Vernetzung, kein Raum zur Aktion, denn die Demo wird vom Konzept der Veranstalter diktiert. Die Demo ist eigentlich dazu geschaffen, mit ihrer Kraft zu verändern, zu erstürmen, zu besetzen. Doch dazu fehlt ihr in der heutigen Form der Wumms. Und wenn sie noch so revolutionär ist und alle Wände die ihren Weg säumen beschrieben und beklebt sind, alle Fensterscheiben zertrümmert, jeder Nazi geklatscht und jedes Auto in Brand gesteckt: Nicht eine Fabrik hat die Produktion umgestellt. Nicht eine Schule ist in Selbstverwaltung übergegangen. Nicht ein Stadtpark produziert genug Essen für die Anwohner. Im Gegenteil die Ordnung bleibt unversehrt und die Stadt kann neue Konzepte zur Niederschlagung der Widerstände erproben. Die Demonstration hat keine Power zum Aufstand und wenn sie das nicht schafft.. was will sie dann?

Es ist notwendig die Energie des Protestes in etwas Lebendiges zu kanalisieren, das aus sich selbst etwas hervorbringt. Für den Protest brauch ich nur jemanden oder etwas gegen das ich sein kann. Für einen lebendigen Widerstand aber müssen wir Lebensformen erschaffen, die den Grund des Protestes zerstören. Wobei die Betonung auf Lebensform und nicht auf Zerstörung liegt.

Rebel Yell (song)

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Es ist fundamental wichtig die revolutionären Handlungen, die subversiven Aktionen nicht isoliert zu lassen. Alles muss verbunden werden, sonst können die einzelnen Elemente ihre tatsächlich mögliche Wirkung nicht erzielen! Es bringt nichts n u r einen Supermarkt auszurauben, n u r einen Garten anzulegen, n u r politisches Theater zu machen, n u r zu Hacken. Wenn all diese Momente sich aber verbinden, so lebt sich der Hacker kulturell aus, hat der Künstler was zu beißen und der Ökoaktivist legt Server von Monsanto flach. So muss das laufen. Andernfalls bietet unser Leben keine Alternative zur Einöde. Sonst spiegelt unser Leben nichts anderes als die isolierte Scheiße die wir verändern wollen. Wir können die Bedeutung der Kultur nicht leugnen. If i can’t dance it’s not my revolution – prangt schon ewig an den Wänden der Städte. Und wie bereits erwähnt laufen auf jeder Demo immer die gleichen ohrenbetäubenden Lautis mit Partymucke, die die Gespräche und das Getuschel verhindern, die Sprechchöre ersticken und das gemeinsame Singen ersetzen.

Weiterhin können wir nicht leugnen dass es Räume braucht in denen man leben kann, dass es Essen braucht, dass es Menschen braucht die auf dich, auf mich, auf unsere Kinder aufpassen können. Wir können all das nicht leugnen und doch geschieht es so oft, wenn es heißt: „Komm zu dieser Demo und alles wird gut!“ „Besuche unser geiles Sozialforum und tanze Afrotänze, ein bisschen Capoeira und Reis mit den Händen Essen und alles wird gut!“ Fairtradekaffee ist Opium.

Rebel house

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Um also all diese Notwendigkeiten zu erfüllen müssen wir Bündnisse eingehen und uns vernetzen.

Wir müssen all das selber machen. Auf die großen Vereine ist kein Verlass. Die Linke muss umschifft werden. Was bedeutet es, einem Naturschutzverein wie Greenpeace beizutreten, wenn die Vorstandsmitglieder ehemals im Walfang mitgemischt haben (1) (2)? Was bringt es wenn ökorrekte*-Bio Firmen an der Börse verheizt werden (3). Das Mitwirken größerer Organisationen in der Gesellschaft bedeutet für sie immer Kompromisse eingehen zu müssen. Sie brauchen Vereinsvorsitzende, obwohl sie anti-hierarchisch sein wollen. Sie müssen profitabel sein, obwohl sie es für die Sache machen. Sie haben einen bürokratischen Apparat, obwohl sie von den spontanen Energien leben. Sie gehen Bündnisse mit Firmen ein, die ihre eigene Basis boykottiert, nur um diese Firmen dazu zu bringen 1% des Gewinns zu spenden oder den Produkten Meerestiersticker beizulegen (4) (5). Je mehr der Verein kooperiert, desto weicher wird er geschliffen. Sehr wohl sollte geredet und verhandelt werden. Firmen sollten beraten werden und auch mit leichtem Druck in die richtige Richtung geführt werden. Aber die Grundprinzipien müssen bestehen bleiben, und da zeigt uns die Gegenwart einen ganzen Haufen Beispiele gescheiterter Gruppierungen. Und mal im Ernst: Weisst du, was diese Vereine mit deinem Geld anstellen? Dann investiere es lieber selber in deinen Garten, in einen Jeep auf Borneo oder in einen Brunnen für Kokosbauern in Thailand.

Anti-G8 Demonstrations (24) - 06Jun07, Bad Dob...

Image by philippe leroyer via Flickr

Was wir brauchen sind Lösungen. Wir müssen uns freimachen von einer Ordnung die uns gefangen hält. Die Veränderungen, die notwendig sind, finden nicht statt. Wir müssen Wege finden, diese Veränderungen selber herbeizuführen. Lokale Währungen und Wirtschaftskreisläufe. Die Umstellung der Energieversorgung. Das Brechen mit der Macht. All das muss stattfinden. Auf welchem Weg bleibt jedem selber überlassen. All das ist ein Haufen Arbeit und geschieht sicherlich nicht auf der 1.Mai Demo. Also machen wir uns nichts vor, schnappen wir uns ein Bier oder unsere Straight-Edge-Limo und gehen zu allen Nachbarn unseres Hauses, bepflanzen die Balkone und das Dach (der Vermieter muss kuschen – sorry), vielleicht Hühner im Hinterhof, oder doch lieber vegan? Schlafen wir mit unseren Nachbarn. Reparieren wir unsere Fahrräder. Und dann schauen wir aus dem offenen Fenster über die Dächer von Berlin. Über die Dächer von London. Über die Dächer von Zürich oder irgendeinem anderen Ort auf der Welt und haben so ein gewisses Gefühl, wenn wir die Rauchfahnen der Demo sehen. Das Gefühl, dass wir wissen, was dahinter steckt, und dass wir nicht untätig sind.

Brainstormreste die nicht eingebaut wurden

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5 Antworten to “Eieiei Erster Mai”

  1. scheiß stereotypen im kopf! ich teile deine kritik am ‚ritual‘ und an den heutigen protestformen/-konzepten, dennoch lehne ich ein diffamieren der aktivistInnen als „hobbyrebell“(Inn)en ab. menschen bewegen unterschiedlichste gefühle und absichten dazu an solchen demonstrationen teilzunehmen. sie alle als chaotInnen-like darzustellen ist verachtung gegenüber ihrem protest und ihren idealen. ansonsten will ich dir (da du es hier teilweise angesprochen hast) noch ein artikel über umweltschutz im kapitalismus empfehlen, zu finden in der aktuellen Straßen-aus-Zucker (hier http://bit.ly/kbPmbG als pdf downloadbar) mit der headline „Dasselbe in Grün“

  2. danke für den link. darf ich zu meiner verteidigung erwähnen dass ich auch geschrieben hab dass es gute gründe geben kann auf die demo zu gehen? ich lehne ein diffamieren aller voll ab. ich wär selbst gegangen wenn ich nicht hätte lernen müssen..

  3. party pirate Says:

    letztendlich bin ich bzw sind wir ja auch gegangen…manche in dem einen und manche in dem anderen outfit und was man damit lustiges machen kann.
    krass fand ich die „positiven“ reaktion von politikern und anderen leuten die sich gefreut haben dass es keine schlachten gab und die große masse friedlich gefeiert hat. da ärger ich mich schon fast nich doch das andere outfit gewählt zu haben! 1.mai? friedlich gefeiert? den spaß will ich ja nich außer acht lassen aber dass der 1. mai keinen heidnisch/christlichadaptierten hintergrund hat sondern einen arbeiter/politischen is denke ich den meisten klar…und diesen meisten is es auch klar dass die arbeits- und politiklage nich grade zum feiern ist.

    schön fand ich das irie révoltés bei ihrem konzert, neben dem inhalt in ihren liedern, auch sonst ein bissl was erzählt haben und die leute zum aktiv werden angeregt habn….beim feiern und tanzen kommt eben doch die beste gemeinschaftsstimmung auf!

  4. hey ho nepo, Du sprichst mir aus dem herzen.

    ich bin auch raus aus meinem haus, raus zum 1. mai. und ich denke, dass demonstrationen durchaus einen sinn haben, nämlich den der unmutsbekundung, der massenmobilisierung und die geburt eines gemeinsamen elans. ich denke aber auch, dass Du das auch denkst. und leider sind die demos oft inzwischen so, wie Du sie oben beschreibst. die studienproteste in england sind jetzt tot – das spüre als teil dieser proteste – und das hängt v.a. damit zusammen, dass bisher die kraft der demonstrationen (noch) nicht in gemeinschaftliche organisation und inhaltliche auseinandersetzung transformiert wurde. man kann eine kultur kulturell mobilisieren durch demos, aber man kann eine regierung, deren handlungsfähigkeit u.a. auf geld basiert, nur durch wirtschaftliche maßnahmen stürzen. in diesem sinne sind die finanzspritzen der eu für griechenland im grunde die letzte politische rettung der dortigen regierung.

    darf ich noch hinzufügen, dass in meinen augen die heutige linke (bis auf wenige kleinere anarchistische gruppierungen) an einer krankheit leidet, die zu überwinden essentiell für ein wiedererstarken sein wird. diese krankheit ist die fixierung auf regierungsgewalt. die reformisten wollen den marsch durch die institutionen, um regierungsgewalt zu erlangen, die anderen wollen die revolution, um regierungsgewalt zu erlangen. wenn allerdings das denken der menschen strukturell positiv beeinflusst werden soll, dann müssen sie aus ihrer abhängigkeit von einer höheren autorität befreit werden. das grundlegende problem heutzutage ist doch, dass selbstorganisation nur stattfindet, wenn sie entweder staatlich oder privatwirtschaftlich subventioniert ist. gehen wir doch mal darüber hinaus. ein gutes beispiel ist der people’s supermarket: http://www.thepeoplessupermarket.org/

    was ich hier beschreibe, scheint in gewisser weise das zu sein, was nepo vorschwebt. wir müssen uns nur daran machen, konkrete vorschläge zu machen. vielleicht ist es zb wieder an der zeit im sinne thoreaus steuern zu verweigern, wenn damit ein krieg bezahlt wird, gegen den die mehrheit der gesellschaft ist (wenn das der fall ist). und dann kann man sich auch gedanken darüber machen, inwiefern man sich heutzutage dank mangelnder repräsentation auf ein widerstandsrecht berufen kann. ich würde gerne meinen teil dazu beitragen. wir werden sehen.

  5. hört hört. widerstandsrecht? lebensrecht sag ich. lasst uns einfach leben und wir werden auf die grenzen stossen die uns daran hindern wollen. da werden wir arbeiten!

    und zu den regierungen… meiner meinung nach, haben die keine power mehr. die tatsächliche power haben konzernverbünde, global players, bankennetze. die sind doch viel besser organisiert, viel mehr angestellte, viel moderner. die regierungen machen ihnen das leben angenehm weil sonst alles zusammenkracht (fremdhypothese) die staaten sind die nerds in der ersten reihe die sich wundern dass der lehrer nicht mehr da ist, während alle anderen papierflugzeuge bauen und die party am wochenende abmachen. ich glaube wir müssen uns gegen die wehren. das ist die einzige chance. ich bin auch am start. ich tu auch mein teil. see ya on the streets

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