Mit Bäumen reden

Wenn ich diesen Titel lese, dann denke ich gleichzeitig an ‚Bäume umarmen‘,

Klub Elektrik – Die Zeit steht nicht still 13

Image by Zeitfixierer via Flickr

ich denke an Frauen mit Blumenkranz im Haar und Batik-Hosen, irgendwelche Esos die glauben Quantenforschung würde eine Menge schwachsinniger Bücher rechtfertigen und ihr Workshopquacksalber sei definitiv mit Jesus zu vergleichen. Wenn ich jemanden sehen würde, der/die mit Bäumen redet, dann würde ich definitiv nicht vorurteilsfrei werten. Und Bekannte von mir, die auch eher locker mit dem Thema umgehen, müssen auch zugeben, dass sie es wenigstens ein bisschen merkwürdig finden würden.

Ich schlussfolgere daraus eine gewisse gesellschaftliche Unkenntnis, Abneigung, Ausgrenzung. Zumindest teilweise. Irgendwie sind Leute die mit Bäumen reden immer noch Hexen.

Wie kommt es aber dass es äußert anerkannt ist mit Hund, Katze, Leguan oder dem eigenen Baby zu reden – obwohl die Frage nach dem Verstehen immer noch bleibt: Was verstehen die von dem was wir sagen und welche Reaktionen können wir als Antworten welcher Art deuten? Oder wie ist es mit dem Beten? Es gibt in der westlichen Welt immer noch einen Haufen Leute die zu Gott beten, wer auch immer das ist. Werden die derart komisch angeschaut wie jemand der mit einem Baum redet?

Indianer gelb

Image via Wikipedia

Sinvoll ist es auch, sich dieser Fragestellung einmal aus der Sicht anderer Ethnien anzunehmen. Wie denken zum Beispiel Küsten-Salish-Indianer darüber? Für diese Leute ist es in der Tat vollkommen normal Bäume oder Steine um Hilfe zu bitten, Geistern Fragen zu stellen oder ähnliches. Gleichzeitig reden wir in ihrem Kontext von Naturverbundenheit. Die Stammesangehörigen die am meisten mit Bäumen reden, die Schamanen der jeweiligen Stämme, sind sogar hoch angesehen und werden bei verschiedensten Problemen konsultiert. Der Akt der Kommunikation mit dem scheinbar Geistlosen ist dort kulturell fest verankert, wo es in den uns näher stehenden Gesellschaften eher tabuisiert/ausgegrenzt wird.

Isolation Ward - SEA BREEZE JR. (LOC)

Image by The Library of Congress via Flickr

Der Naturverbundenheit wird die abgeschlossene Isolation vom Natürlichen entgegengesetzt. Unnatürliche Wohnräume isolieren uns von außen und untereinander. Untereinander weil alle Wohnungen isoliert sind. Es gibt in nahezu keinem mir bekannten Wohngebäude Gemeinschaftsräume in der alle Bewohner sich treffen können. Keinen kommunalisierten Raum. Kein Public. Nur Private. Innerhalb der ohnehin schon isolierten Wohnungen geht die Isolation weiter: Die Zeiten in denen 3 Leute in einem Bett und die Geschwister auf dem Boden schlafen ist vorbei. Die Zeit in der Ochs und Esel drei Meter von uns entfernt geschlafen haben noch mehr. Das ist komplett out. In ist: Persönlichkeit, Individualität. Individueller Style, individuelles Wohnen, konsumieren, arbeiten, Spaß haben. Redet mensch beim Fernsehen? Der Akt des Fernsehens ist ein vorrangig privater! In einer Welt in der alles was mensch braucht verfügbar ist: Essen, Sex, Psychotherapeut, Unterhaltung, Kleidung, Werkzeug etc. sind wir aufeinander kaum noch angewiesen. Das Sozialkapital – wie manche es nennen – geht immer weiter zurück.

Und unsere Isolation von der Natur ist so weit fortgeschritten, dass jede Idee davon schon ein Abenteuer ist. Unsere Naturverbundenheit ist schon so rudimentär, dass die Vorstellung Zelten zu gehen oder eine Tomate zu pflanzen sich für uns so anfühlt wie es für einen Orcawal sein muss, wenn er bei dem Versuch einen Pinguin zu fangen, auf einen Sandstrand springt und sich dabei kurz zurück erinnert dass seine Vorfahren einmal Landlebewesen waren. Unser ehemals dichtes Beziehungsnetzwerk wurde atomisiert und wir bleiben als beziehungslose Waisenkinder zurück.

Aber kommen wir zurück zum Baum-Talk.

Oder between Kienitz and Zollbrücke, Germany

Image via Wikipedia

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Sprechen mit dem Baum und dem Sprechen mit einem Menschen? Spreche ich mit einem Menschen so sage ich Dinge in dem Glauben dass er oder sie mich versteht. Würde ich mit einem Baum sprechen, könnte ich ja auch annehmen dass er mich versteht. Bei den meisten Menschen weiß ich nicht einmal ob sie mich verstehen und ich rede trotzdem mit ihnen. Dann könnte ich bis jetzt also auch mit einem Baum reden. Prima. Nun aber die Antwort: Der Mensch antwortet etwas auf das was ich sage. Sinnvoll denke ich vorerst. Während ich höre was er sagt, während ich sehe wie er gestikuliert und was seine Mimik ausdrückt (vorher, als ich zu ihm sprach passierte das gleiche bei ihm) kommen mir Gedanken und Gefühle in den Sinn und ich entwickle eine Hypothese über seine Aussage. Eine Interpretation á la ‚Was will der Dichter damit sagen?‘. Es ist der Versuch dem Sinn zu geben, was der andere da von sich gibt. Und dieser Versuch läuft meistens sogar so gut, dass wir uns nicht jeden Tag an die Gurgel gehen. Aber dabei bleibt es dann auch. Diese Interpretationen haben keinen Wahrheitsanspruch, es ist mir nicht möglich genau das was der andere erzählt zu verstehen, niemals. Ich müsste er/sie sein um es zu begreifen. Das heißt ich rate, was mir auf das Geschwafel, das ich von mir gebe, geantwortet wird. Und weil ich das den ganzen Tag mache bin ich bei Menschen auch schon ziemlich geübt darin und mache kaum noch Fehler. Ich verknüpfe die Eindrücke aus meinen Ohren, meinen Augen und dem diffusen Gefühlsbrei meines Bauches. Und wenn ich mit einem Baum rede? Passiert nicht das gleiche? Ich warte auf die Antwort des Baumes und meine Gedanken und Gefühle verändern sich? Wenn ich mich konzentriere spüre ich/oder bilde mir ein eine Antwort irgendeiner Art zu bekommen. Ist da ein Unterschied zwischen Einbildung und tatsächlichem Wissen, wo ich doch eben aufgezeigt habe, dass es eben jenes tatsächliche Wissen über die Aussage des Gegenübers nicht gibt? Ich behaupte dass wir unser Rätselraten, dass wir beim Verständnis von Menschen tagtäglich üben, genauso gut auch zum Gespräch mit einem Baum üben können. Ich glaube es ist überhaupt nicht lächerlich, es sei denn unsere normalen Gespräche sind auch lächerlich – wo wir doch behaupten wir verstünden einander.

Ottmar Liebert @ Die Zeit

Image by Borya via Flickr

Nun könnte man noch das Argument anbringen „Ja, aber ein Baum hat doch kein Bewusstsein!“

Ui, Totschlag-Argument.

Dann sage mir dieser hypothetische jemensch doch mal was und wo das jetzt wieder ist. Dann reden wir gern weiter, ob man was aus Baumgesprächen lernen kann – oder auch nicht.


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3 Antworten to “Mit Bäumen reden”

  1. danke again!

    bin immerwieder aufs neue überrascht und ein bischen neidisch, wie gut du gedanken in texten verpacken kannst!

    hatte gestern mit daffy ein ähnliches thema am wickel.. zumindest im entfernteren sinne, aber das lässt sich hier nicht so einfach schreiben und wir werden uns ja bestimmt auch mal wieder sehen und können uns dann direkt austauschen.
    jetzt geh ich auf jeden fall erstmal raus, die sonne genießen, vllt vertrau ich aufm weg auch dem ein oder anderen baum/käfer oder wenimmer ich treff etwas an, was einem menschen zu erklären meine begrenzten kommunikationskünste überschreiten würde.
    worte sind eben auch nur ein hilfmittel, sich mit seiner umgebung zu verständigen-genormt, und oft viel zu beschränkt.

    verändert die welt!

    viel mut und liebe

  2. danke fürs lob, ich schreib grad gern und dachte ich nutze den flow um immer mal wieder was rauszuhauen. viel spaß in der sonne!

    wind & feuer – nepo

  3. party pirate Says:

    hä versteh ich nich…wie meinst du das denn?

    denkt dran dass die infos vom schamanen nur aus zweiter hand sind!

    sind wir toll weil wir ein bewusstsein haben? und andere nich? oder haben das alle? oder keiner?

    42

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