kreis der archivare:protokoll lesekreis montag 23.juni (#2)

Einige einleitende Sätze:

Um sich miteinander verständigen zu können, muss man eine gemeinsame Grundlage besitzen. Diese Grundlage sind die Begriffe der Sprache. Sobald Du eine Farbe „blau“ nennst, die ich „rot“ nenne, können wir zwar über Farben reden, uns aber kaum über Farben verständigen. Das hier gewählte Beispiel stellt das Problem allerdings sehr vereinfacht dar. Es handelt sich nämlich bei Farben für gewöhnlich um rein empirisch erfahrbare Dinge, also um Erscheinungen, die wir mit unseren Sinnen (Gehör, Gefühl, Blick, Geschmack, Geruch) wahrnehmen können. Schwieriger wird es dagegen bei Begriffen, die ganze Theorien oder Gedankenkonstrukte beinhalten, die also nicht unmittelbar durch die Sinne erfahrbar sind, sondern nur mittelbar. Wenn Du und ich über Demokratie reden, können wir dabei zwei sehr verschiedene Systeme meinen – übrigens auch ein Problem des „Demokratieexports“ aus dem Westen. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, Begriffe, die Marx benutzt, möglichst genau zu definieren, damit Du und ich uns darüber verständigen und damit oder dagegen argumentieren können. Marx versucht das selbst. Gehen wir dem nach:

Im 1. Abschnitt, 1. Kapitel: Ware und Geld, geht es v.a. um den Wert eines Dings. Marx nennt zwei Begriffe, die diesen Wert beschreiben, nämlich den Tauschwert und den Gebrauchswert. Über das Verhältnis von Gebrauchswert und Tauschwert schreibt Marx nichts weiter, als dass ein Ding, wenn man von ihm den Gebrauchswert abstrahiert, d.h. wenn der Wert des Dings von dem Gebrauchswert bereinigt wird – dass dieses Ding dann allein den durch die Arbeit produzierten Wert besitzt (Stichwort: „wertschaffende Arbeit“). Nach meinem Verständnis ist dieser Wert gleichzeitig der Tauschwert.

Diesen Tauschwert charakterisiert Marx noch auf einem zweiten Wege: Er geht davon aus, dass Dinge bestimmte Austauschverhältnisse haben; z.B. 1 Kilo Eisen für 20 Kilo Weizen. Zwischen diesen Dingen stehe ein so genanntes „Drittes“, was Marx den Tauschwert nennt. Dieses „Dritte“ zu fassen, fällt mir sehr schwer, weil es eben immateriell ist. In unserer heutigen Welt kann man dieses „Dritte“ wohl durch Geld veranschaulichen. Das „Dritte“, was zwischen dem Austausch steht, ist also materialisiert worden. Es bleibt dabei für mich gleichsam unbegreiflich und faszinierend, wie ein solches „Drittes“ einen Eigenwert und einen Austauschwert zu anderen „Dritten“ entwickeln kann (der Euro steht jetzt bei über 1,5 Dollar).

Aber halt! Vorsicht ist geboten! Geld kann vielleicht als Veranschaulichung von dem „Dritten“, vom Tauschwert dienen, jedoch bleibt dies eine Vereinfachung. Ich halte es für falsch, diese Begriffe, Geld und Tauschwert, gleichzusetzen, genauso wie es wahrscheinlich unzulässig ist – das wurde in der Diskussion zutreffend angemerkt – Wert und Preis gleichzusetzen. Oscar Wilde formulierte einst: „Die Menschen kennen von allem den Preis, aber von nichts den Wert.“

Aber zurück zur Wirtschaft: Nach meiner Auffassung verursacht der Gebrauchswert eine Verzerrung, die sowohl die Gleichsetzung von Wert und Preis als auch von Tauschwert und Geld unzulässig macht. Der Gebrauchswert eines Dings, den Marx als Ausdruck der Nützlichkeit eines Dings definiert, muss meiner Meinung nach im heutigen Wirtschaftskreislauf auch das Spiel von Angebot und Nachfrage beinhalten (es erscheint einleuchtend, dass eine Menge von Dingen für eine Gesellschaft weniger nützlich ist, wenn die Nachfrage geringer ist) und beeinflusst demzufolge den Preis und die Geldverhältnisse.

Diese vorhergehenden Sätze sind, bis auf die Definition des Gebrauchswerts, mit großer Vorsicht zu genießen, da sie Gedanken entspringen, die weitgehend textunabhängig sind.

Zurück zum Tauschwert, dem auch Marx vorerst die meiste Aufmerksamkeit zukommen lässt: Die Definition des Tauschwerts durch aufgewendete Arbeit wirft die Frage auf, wie diese Arbeit gemessen wird. Bliebe diese Frage ungeklärt, könnte das zu einem Widerspruch in der Situation zugespitzt werden, in der ein fauler Mensch länger braucht, um sein Produkt herzustellen, als ein anderer, wodurch sein Produkt einen höheren Tauschwert hätte.

Um diesen Fehlschluss nicht zu ziehen, muss man stets im Kopf behalten, dass wir uns vorerst auf recht theoretischer Ebene bewegen. Ich denke, dass das übrigens eine der schwierigsten Aufgaben ist: Marx’ Theorie auf die heutige Praxis zu übertragen. Aber das nur nebenbei.

Die Anmerkung, dass die Art der Begriffsfindung und –definition vorerst ziemlich theoretisch ist, soll als Grundlage dienen, um eine Art universeller Einheit für Arbeit zu finden, um behaupten zu können, dass ein Ding, das den gleichen Tauschwert wie ein anderes besitzt, ersatzlos mit diesem austauschbar ist (und nicht etwa, dass jemand, der faul ist und 48 Arbeitsstunden braucht, um einen Becher herzustellen, diesen gegen einen im schnelleren Tempo in 48 Stunden hergestellten Computer tauschen kann). Zu diesem Zweck geht Marx in der Theorie davon aus, wie viel Arbeit notwendig ist, um ein Ding herzustellen. Diese Aussage kann man auch in eine Frage umformulieren, ungefähr so: Wie viel Zeit braucht jemand, der unter angemessenen Umständen angemessen schnell arbeitet, um ein bestimmtes Ding herzustellen?

Wichtig bei diesem Konzept der notwendigen Arbeit ist, dass z.B. technischer Fortschritt den Tauschwert verändern kann. Wird z.B. eine Maschine erfunden, die die Arbeitszeit verkürzt, so ist ja notwendig, weil theoretisch, weniger Arbeitszeit nötig, um das entsprechende Ding zu produzieren, gleichgültig, ob jedermann Zugang dazu hat oder nicht.

Marx führt im Zusammenhang mit der notwendigen Arbeit noch den Begriff der notwendigen Durchschnittsarbeit ein. Hier wird also beachtet, wie lange eine Arbeit notwendigerweise im Durchschnitt in der Gesellschaft für ein Produkt verrichtet werden muss. Dieser Durchschnittswert hat in unserer Gruppendiskussion für einige Verwirrung gesorgt: Es erscheint nicht als selbstverständlich, dass in jeder Gesellschaft bei einer repräsentativen Studie über die Arbeitsdauer immer dieselbe Dauer genannt wird, sogar bei technisch gleich entwickelten Gesellschaften. Meiner Auffassung nach bezeichnet der Begriff Durchschnitt in diesem Fall nicht einen Wert, der durch eine Studie also durch Erfahrung ermittelt wird, sondern einen rein theoretischen Wert, der aber mögliche Unwägbarkeiten und wirtschaftlichen Auf- sowie Abschwung als auch natürliche Begabung und Körperkraft jedes einzelnen Menschen mit einberechnet, also Faktoren, die die Produktionsdauer geringfügig verlängern oder verkürzen – daher der Begriff Durchschnittsarbeit. So kann der Tauschwert nicht durch nichttheoretische Bedingungen und Zufälle verzerrt werden.

Dieses ganze Konstrukt vom Tauschwert, der durch die notwendige Durchschnittsarbeit ermittelt wird, mag manchem sehr merkwürdig erscheinen, vor allem weil der Realitätsbezug scheinbar fehlt.

Es gibt zu dieser Frage jedoch zwei mögliche Antworten, die eventuell sogar beide zutreffen:

Erstens wissen wir noch nicht viel darüber, welche Position der Tauschwert in Marx’ Systemanalyse einnimmt – es kann z.B. sein, dass er nur die theoretische Grundlage für etwas bilden soll (z.B. der Wert als Grundlage für den Preis). Und zweitens ist es z.B. fraglich, inwiefern auf einem Markt, wie es unsere globalisierte Welt ist, eine Bereitschaft vorhanden ist, für ein Ding aus bestimmten Gründen mehr als den theoretischen Tauschwert zu bezahlen (wenn also der Preis vom Wert abweicht). Es erscheint doch einleuchtend, dass der Verbraucher nicht mehr zahlt, nur weil die Arbeit in seiner Gesellschaft durchschnittlich langsamer ist, als sie auf z.B. sozial vertretbare Weise sein könnte. Erst wenn das Ding sehr wichtig ist, sie also einen hohen Gebrauchswert hat, wird sie eventuell gekauft, obwohl der Preis steigt.

nächsten montag treffen wir uns wieder um 18:30 im mathilde literaturcafé, bogenstraße 5, hamburg.

warum?

weil es dinge gibt die wir nicht verstehen, von denen wir wissen wollen wie sie funktionieren, warum menschen arm sind und andere reich, warum manche gute bildung erhalten und andere schlechte, was medien mit uns machen, wie geld funktioniert und wie man sich wehrt und dinge verbessert die verbessert werden müssen.

lies auch den aufruf zum lesekreis hier.

Dieser Artikel wurde verfasst vom raben

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