Der Lesekreis

Anfangen? Wo es anfängt!“, begann Dylan Thomas einst sein Dichtwerk „Unter dem Milchwald“, in dem Ehrwürden Eli Jenkins seine Chronik, das Weiße Buch von Llareggub, verfasst, und dessen Name genauso geheimnisvoll wie unbedrohlich klingt. Anfangen, da wo es anfängt, das muss auch ich. Denn wer die „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) entziffern möchte, der muss von vorn anfangen – da wo der Zauber aufhört. Womit die unsägliche Kette von kleinen Wahrheiten, die jeder zum Überdruss kennt, nicht abbricht: Wo ein Anfang ist, ist immer auch ein Ende.

Bei dem Übergang vom Kindsein zum Erwachsensein werden Dinge unbegreiflich bleiben. Nur werden Kinder und Erwachsene damit unterschiedlich umgehen. Kinder halten unbegreifliche Dinge für einen Zauber, Erwachsene für Physik oder Mathematik. Wenn das Kind also begreift, dass es nicht zaubern kann – und jeder andere auch nicht -, dann bricht damit eine Welt zusammen. Und damit will ich anfangen, denn das Ende dieser Welt ist, wie jeder aufmerksame Leser ahnt und bereits weiß, der Anfang einer neuen Welt.

Dass Kinder nach dem „Warum?“ fragen ist eigentlich elementar naturwissenschaftlich. Denn die heutige Vorstellung von unserer Welt unterliegt dem Ursache-Wirkungs-Prinzip: Jedes Ereignis hat eine Ursache. Wenn dahinter kein Zauber steckt, dann müssen andere Dinge dahinter stecken. Wenn es Ungerechtigkeit gibt, dann nicht, weil es von Anfang an so war, sondern es gibt dafür eine Ursache. Es gibt genauso eine Ursache für die Produktion von Atomwaffen, für Finanzkrisen, Hungerkatastrophen und Deine Position in dieser Gesellschaft.

Das „Warum?“ führt uns also zu uns selbst. Warum stehe ich hier? Warum handle ich so und nicht anders? Warum kriegen meine Eltern Kindergeld? Warum dürfen nur politische Flüchtlinge, die eine konkrete Bedrohung nachweisen können, in Deutschland bleiben? Warum fließen die größten Geldströme von der Dritten Welt in die Erste, obwohl die Dritte Welt doch am wenigsten Geld hat? Warum muss ein afrikanischer Bauer Einfuhrzölle bezahlen, wenn er nach Europa importiert?

Ich möchte wissen, warum diese Dinge so sind! Und ich bin überzeugt, dass ich dieses Ziel nicht alleine erreichen kann. So viele Menschen haben dies schon versucht und Erklärungsansätze formuliert, doch keiner ist auf die Weltformel gestoßen. Ich brauche die Hilfe von allen Menschen, genau wie Du die Hilfe von allen Menschen brauchst, um dem „Warum?“ nachzugehen. Ich brauche Deine Gedanken, wie Du meine Gedanken brauchst, und wir beide brauchen die Gedanken von den Menschen, die schon mal darüber nachgedacht haben.

Deswegen ermutige ich Dich an dieser Stelle zum Lesekreis zu kommen: Der Verstand wird unser Ross sein, das Lesen uns’re stählerne Rüstung, das Gespräch unser klingendes Schwert und der Kreis wird unsere Kampfformation! Weil wir Macht begreifen und nicht ausüben wollen! Jeden Montag, um 18:30 Uhr, im Mathilde Literaturcafé, Bogenstraße 5, Hamburg.

Dieser Artikel wurde verfasst von rabe

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‚Der Lesekreis‘ und alle seine Bestandteile stehen unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Deutschland Lizenz.
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5 Antworten to “Der Lesekreis”

  1. ich komme diesmal leider nücht
    habt spaß, gruß an die heimat!
    arrrrrrrrrr

  2. sehr schade! wir werden dich vermissen, vielleicht reißt marx es wieder raus. schönen abend dir!

  3. […] lesekreis montag 23.juni (#1) am letzten montag trafen wir uns zu dritt zum ersten lesekreis. gelesen wurde das vorwort und das erste kapitel ‘Die Ware’ aus dem ersten abschnitt […]

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